Eigen- und Fremdwahrnehmung

Vor einigen Monaten schrieb mich auf Facebook eine frühere Freundin an, die ich seit vielen Jahren aus den Augen verloren hatte. Sie war neugierig, wie mein Leben seither verlaufen war und wir telefonierten einige Zeit. Ich erzählte ihr ein bisschen was von dem, was bei mir so abgelaufen war. Da kam von ihr spontan der Satz:

„Du hast dich nicht verändert. Du bist noch genauso verrückt wie früher.“

Obwohl wir in dem Moment beide lachten, traf mich das tief. Der Ausspruch blieb bei mir haften und beschäftigte mich nach unserem Telefonat noch eine ganze Weile. Dieses Phänomen zieht sich seit meiner frühesten Kindheit wie ein roter Faden durch mein Leben. Ich werde von den meisten Menschen – teilweise auf eine sehr verletzende Weise – verkannt. Mir werden irgendwelche Projektionen übergestülpt, die mit dem, was ich bin, nicht das Geringste zu tun haben. Das begann bei meiner Mutter, setzte sich fort bei meinen Verwandten, im Kindergarten und der Schule, am Arbeitsplatz und in meinen Partnerschaften.

Ich habe oft versucht, mich Menschen, die mir wichtig waren, verständlich zu machen, aber letztlich immer ohne Erfolg. So ist es kein Wunder, dass ich mir vorkam, als käme ich von einem anderen Stern und wäre durch einen dummen Zufall auf der Erde gestrandet. Ich habe mich noch nie im Leben irgendwo heimisch gefühlt, noch nie das Gefühl gehabt, dazuzugehören, obwohl das lange Zeit meine größte Sehnsucht war. Nie hatte ich die Gelegenheit, irgendwo Wurzeln zu schlagen. Die Anzahl meiner Umzüge ist Legion, und so lebte ich immer in einem Provisorium, denn jeder Versuch, ein gemietetes Domizil so zu gestalten, dass ich mich dort wohlfühlen konnte, mündete in einen weiteren Umzug.

Die einzige Gelegenheit, bei der ich dachte, ich hätte so etwas wie eine Heimat gefunden, war meine letzte Partnerschaft. Nach 16 Jahren stellte sich jedoch heraus, dass auch das eine bloße Illusion war.

Ich selbst halte mich für sehr konservativ. Da kommt nun eine Frau, die jeden ihrer Partner mit dem jeweiligen Nachfolger betrogen hat, die während einer bestehenden Partnerschaft meinen abgelegten Liebhaber aufgerissen hat, weil sie ihn attraktiv fand, die geheiratet hat und sich nach dem Kauf eines Hauses wieder hat scheiden lassen, die ihren nächsten Partner nach dem Kauf einer Eigentumswohnung verlassen hat, und erklärt mich für verrückt.

Spontan hatte ich wieder das altbekannte Gefühl, einfach nicht in diese Welt zu passen. Das, was mich ausmacht, ist für die Menschen unsichtbar. Ich kann eigentlich nur ein Alien sein.

Die Erkenntnis meiner speziellen Disposition hat vielen derartigen Erlebnissen die Spitze genommen, weil es nun für den Verstand erklärbar war, weshalb Menschen die Welt anders wahrnehmen als ich, aber an der Fremdheit hat es nichts geändert. Denn am Ende bleibt in einer solchen Konstellation das Verständnis meist einseitig auf Seiten dessen, der mehr und tiefer empfindet.

Was mir letztlich geholfen hat, diese Fremdheit als natürliche Gegebenheit zu akzeptieren und den ewigen Wunsch, mich wegen eines illusionären Zugehörigkeitsgefühls anzupassen, neutralisiert hat, war das Human Design. Es hat mir einige wichtige Aspekte über mich und auch über andere Menschen zugänglich gemacht, die ich vorher nicht wahrnehmen konnte. Weil das HD in meinen Berichten immer wieder auftauchen wird, werde ich in meinem nächsten Artikel einige rudimentäre Fakten über mein Human Design beschreiben, die für das Verständnis meines Weges unerlässlich sind.

Kommentare (4)

  1. Gabriela

    Liebe Angelika,
    wieder ein sehr berührender Artikel!
    Danke dir!
    Ich finde, du schreibst sehr wahrhaftig.
    Ich kenne ja dein Human Design und daher ist das für mich sehr gut nachvollziehbar. Noch dazu habe ich ja bestimmte Aspekte so wie du.
    Ich bin schon neugierig auf deine Beschreibung deines HDs!

    Alles Liebe,

    Gabriela

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    1. Angelika

      Liebe Gabriela,

      Du kennst mein Design besser als ich. Ich muss mich erst noch tiefer mit den einzelnen Punkten beschäftigen. Worauf ich eben gestoßen bin, ist ein Satz aus dem Nichtselbst des undefinierten Egos, der da lautet: „Ich versuche, mich als mutig und wertvoll zu beweisen, indem ich verrückte Sachen mache.“

      Selbst bei intensiver Reflexion kann ich mir den Schuh nicht anziehen. Ich glaube vielmehr, dass hier evtl. mein unbewusstes Tor 51 wirkt. Ich schockiere (oder errege), aber nicht, weil ich etwas beweisen will, sondern weil ich bin, wie ich bin. Das scheint schon auszureichen.

      Mit dem linken Kreuz des Individualismus ist man sicherlich niemals wirklich angepasst, und so bemerkt das Außen anscheinend meine Verrücktheit, die mir selbst nicht bewusst ist. Ich empfinde mich währenddessen als völlig normal. 😉

      Liebe Grüße
      Angelika

      PS: Eben ist mir ein Satz aus einer meiner Geschichten in meinem Autoren-Blog eingefallen. Da steht:

      „Sie selbst hat sich nie so empfunden, aber viele Männer haben ihr schon gesagt, dass sie etwas Laszives habe. Obwohl das nicht ihrem Selbstbild entspricht, ist die doch intuitiv in der Lage, diese Empfindung bei einem Mann auszulösen.“

      Das ist dasselbe Thema, nämlich das unbewusste Tor 51. Ich muss mich noch mit der Linie, der Farbe und dem Ton beschäftigen, um das wirklich verstehen zu können, aber es scheint ein Hinweis zu sein. Ich habe eine bestimmte Wirkung durch mein bloßes Sein. Da muss ich noch gar nichts beabsichtigen.

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  2. Christine Milena

    Liebe Angelika,

    bin soeben auf deinem Block gelandet … und finde es sooo spannend was du über dein Sein berichtest … ich teile mit dir das Inkarnationskreuz und wie die Welt auf die Individualität reagiert … und bin eine 6/2 Reflektorin.

    Sei herzlich gegrüßt
    Christine 🙂

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    1. Angelika

      Liebe Christine,

      willkommen auf meinem Blog und auch in Gabrielas Gruppe. Ich freue mich schon auf einen konstruktiven Austausch mit jemandem, er ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Für Dich muss das ja noch einmal ein Stück heftiger gewesen sein. Ich bin sehr neugierig, welche Veränderung das Human Design für dich gebracht hat.

      Liebe Grüße
      Angelika

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