Erste Begegnung

Im Juni 2012 wurde ich in einem Forum erstmals mit dem Kürzel HSP konfrontiert. Weil ich mir nichts darunter vorstellen konnte, bemühte ich Google. Es gab gerade mal drei Einträge (heute sind es ca. 24.000.000), einer davon in Wikipedia, wo ich mir erste Informationen verschaffte.

Beim Lesen dieses Artikels gingen mir eine Reihe von Lichtern auf. Vieles, was ich bis dahin nicht greifen konnte und mir großen Leidensdruck verursacht hatte, stellte sich plötzlich in einem sinnvollen Zusammenhang dar.

Also begann ich mit weiteren Nachforschungen und wurde fündig bei Zart besaitet. Natürlich machte ich den Test, der 278 Punkte ergab. Bei diesem Test wird Hochsensibilität ab ca. 160 Punkten angenommen. Auch wenn der Test nicht offiziell anerkannt ist, war er für mich ein Hinweis, dass ich mich auf einer heißen Spur befand. Ich habe übrigens den Test heute noch einmal gemacht und dabei festgestellt, dass er seit damals eklatant verkürzt wurde. Heute bin ich bei 303 Punkten gelandet, wobei es früher nur 300 gab. Ich finde das ein wenig seltsam und es erweckt bei mir den Eindruck, der Test wurde so vereinfacht, dass sich mehr Personen als hochsensibel empfinden und sich mit der entsprechenden Literatur eindecken. Aber das ist eine ganz und gar subjektive Empfindung. Ich fand es schon immer wichtig, etwas nicht einfach unbesehen zu glauben, sondern sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Das Standardwerk zu dem Thema ist das Buch Sind Sie hochsensibel? von Elaine Aron, die als Erste diesen Begriff geprägt hat, und auf die sich alle anderen Werke beziehen. Ich selbst habe es nicht gelesen, da ich seinerzeit keine deutsche Ausgabe davon finden konnte. Von Elaina Aron habe ich später Hochsensibilität in der Liebe gelesen.

Das erste Buch, das ich zum Thema gelesen habe, war Zart besaitet von Georg Parlow. Meine Ausgabe war von 2003, hier habe ich aber die neueste von 2015 verlinkt.

Folgender Satz hat mich in der nächsten Zeit sehr beschäftigt:

„Weniger empfindliche Menschen kommen meist gar nicht auf die Idee, dass es auffällig empfindlichere geben könnte, und selbst sehr empfindliche Menschen gehen oft spontan davon aus, dass alle mehr oder weniger das gleiche wahrnehmen wie sie, bloß dass die Mehrheit aus ihnen unverständlichen Gründen anders darauf reagiert.“

In vielen Situationen, in denen Menschen in meinem Umfeld auf eine mir unverständliche Weise reagiert hatten, dachte ich mir:

„Wie kann man nur so unsensibel sein!“

Ich schloss aus diesen Reaktionen, dass sie entweder aus Dummheit oder aus Böswilligkeit erfolgt wären, denn anders konnte ich es mir nicht erklären. Und ich wollte weder mit dummen noch mit bösartigen Menschen etwas zu tun haben und habe mich folglich, so weit es irgendwie ging, aus diesen Kontakten zurückgezogen.

Und nun erfuhr ich, dass diese Menschen weder dumm noch böswillig waren, sondern einfach nur normal, und dass ich diejenige war, die die Abweichung von der Norm darstellte.

Diese Erkenntnis stelle mein Leben auf den Kopf. Ich begriff, dass ich vielen Menschen mit meiner Beurteilung Unrecht getan hatte und dass ich meine bisherigen Beziehungen neu beleuchten musste. Ich ließ Situationen Revue passieren, ich denen ich mich durch die vermeintliche Unsensibilität meines Gegenübers verletzt gefühlt hatte, und erkannte, dass in den meisten Fällen die Ursache lediglich ein Missverständnis aufgrund der unterschiedlichen Wahrnehmung gewesen war und meine Reaktion des Rückzugs völlig überzogen. Das machte mir erst einmal schwer zu schaffen. Was früher passiert war, ist nicht mehr zu ändern, aber ich konnte zumindest mit diesen Situationen meinen Frieden machen und die alten Verletzungen loslassen, die sich über die Jahrzehnte in meinem System angehäuft hatten. Das funktionierte selbstverständlich nicht auf Anhieb. Immer wieder musste ich mir die Situation vor Augen führen und meine aktuellen Gefühle dazu überprüfen, bis nach und nach eine Entspannung einsetzte und der Schmerz, den ich damals empfunden hatte, nachließ.

Gleichzeitig mit dem neuen Wissen setzte der Wunsch ein, meine Beziehungen im Hier und Heute nicht mehr durch solche Missverständnisse belasten zu lassen. Ich sah, dass es essenziell wichtig war, einerseits mein Gegenüber wissen zu lassen, dass ich die Welt anders wahrnehme, und dafür um Verständnis zu werben, und andererseits meine eigenen Reaktionen durch den Filter der neuen Erkenntnis laufen zu lassen. Nur so kann es besseres Miteinander von Normalsensiblen und Hochsensiblen zustande kommen.

Ich konnte mich also nicht mehr auf den Standpunkt zurückziehen, dass alle Anderen Schuld hätten, sondern fühlte mich aufgerufen, auch meine eigene Denkweise und mein Verhalten zu ändern, denn aus dem Wissen musste auch ein neuer Umgang mit den Anforderungen des Lebens gefunden werden.

In meinen Beiträgen werde ich nach und nach darauf eingehen, welche Wege ich gegangen bin und wie sich mein Leben durch weitere Erkenntnisse verändert hat.

Ich wünsche Euch allen eine wundervolle Zeit!

Angelika

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