Hochsensibel

Wie ich die Begriffe „hochsensibel“ und „hochsensitiv“ verwende, findest Du hier.

Reize, die über die fünf körperlichen Sinne aufgenommen werden

Visuelle Reize (Auge – Sehen)
Auditive Reize (Ohren – hören)
Olfaktorische Reize (Riechen – Nase)
Gustatorische Reize (Mund – Schmecken)
Taktile Reize (Haut – Fühlen)

Wie ist das nun bei mir?

Ich selbst habe starke Überempfindlichkeiten im Bereich der visuellen, auditiven und taktilen Reize. Mein Geruchssinn ist etwas überdurchschnittlich ausgeprägt, und mein Geschmackssinn liegt eher im Normalbereich.

Visuelle Reize: Schon in meiner Kindheit war ich auffallend blendempfindlicher als andere Kinder. Wenn bei Schnee die Sonne schien, konnte ich ohne Sonnenbrille nicht ins Freie. Später manifestiere sich meine Lichtempfindlichkeit darin, dass ich Sehstörungen mit Kopfschmerzen bekam, wenn ich aus einem Raum ins Licht sehen musste, z. B. wenn ich einem Fenster gegenübersaß. Als ich 18 Jahre alt war, hatte ich einen solchen Arbeitsplatz in einem Großraumbüro. Mir machte das so große Probleme, dass ich das beim Abteilungsleiter ansprach. Eine Lösung in Form einer Stellwand wurde schnell gefunden. Damit hatte ich zwar keinen Ausblick mehr ins Freie, sondern eine braune Wand vor dem Kopf, aber meine Augen wurden geschont. Ich mag es gerne hell in meiner Wohnung, aber ich muss darauf achten, wo ich sitze. Im Auto fahre ich tagsüber generell mit heruntergeklappter Sonnenblende, auch an bedeckten Tagen, weil ich mich dabei erwischt habe, dass ich andernfalls immer die Augen zusammenkneife. Das ist dauerhaft anstrengend und lässt kein entspanntes Fahren zu.

Eine weitere Überempfindlichkeit betrifft Dinge, die flimmern, wie z. B. Leuchtstoffröhren mit konventionellen Vorschaltgeräten, wie man sie häufig in großen Supermärkten oder Baumärkten antrifft. Diese Leuchten flimmern mit 50 Hertz. Halte ich mich längere Zeit in einem solchen Raum auf, wird mir übel und schwindelig und mein Kreislauf macht Probleme.

Eine gröbere Art von Flimmern, wenn man z. B. durch einen Laubwald fährt, und sich Schatten und Sonnenlicht in schneller Folge abwechseln, führen bei mir zu dem Gefühl, abzuheben bzw. außerhalb meines Körpers zu sein. Das ist mir auch schon passiert, wenn ich nachts ein Fahrzeug mit rotierendem Gelb- oder Rotlicht überholt habe. Anfangs hatte ich die Befürchtung, an Epilepsie zu leiden, die auch durch Lichtreize ausgelöst werden kann, aber ich bin einfach nur fotosensibel.

Als die damals aufkamen, hatte ich mir einen Wecker mit digitalen Leuchtziffern gekauft. Ich habe nächtelang nicht geschlafen, bis ich drauf kam, dass es an dem Licht lag. Als ich den Wecker so drehte, dass ich nicht mehr angeleuchtet wurde, konnte ich auch wieder schlafen. Dasselbe gab es später mit der Standby-Leuchte an einer Stereoanlage. Erst als ich dieses Licht abgedeckt hatte, war Schlafen wieder möglich.

Auditive Reize: Lärm ist einer der größten Stressoren in meinem Leben. Als mein Ex-Partner bei mir einzog, hatte er die Angewohnheit, Türen ohne Benutzung der Türklinke einfach zuzuziehen, was jedes Mal mit einem Knall verbunden war, der mich zusammenzucken ließ. Ich habe ihn mehrmals gebeten, die Türen leise zuzumachen, aber das zeigte keinerlei Wirkung, die über 5 Minuten hinausgegangen wäre. Erst als ich ihm erklärte, dass dieses Geräusch mir körperliche Schmerzen verursachte, stellte er sein Verhalten dauerhaft um und entschuldigte sich bei mir, wenn ihm einmal die Tür aus der Hand fiel. Über diese Mechanismen werden wir später noch reden.

Ich hatte gerne abends oft noch im Esszimmer gelesen. Wird hatten einmal einen Drucker mit einem eingebauten Trafo dort stehen, der im Stand ein ganz leises Geräusch machte. Tagsüber nahm ich das nicht wahr, weil die anderen Geräusche es übertönten. Aber abends, wenn alles ruhig war, lenkte mich das Geräusch derart ab, dass ich mich nicht auf mein Buch konzentrieren konnte. Dasselbe passierte, als wir eine Halogenlampe mit Trafo an der Decke hatten. Ebenso störte mich das Summen von Leuchtstoffröhren mit KVGs, die bei uns in der Küche hingen. Das sind alles Dinge, die man ändern kann, aber man muss es einem Gegenüber, das derartige Dinge gar nicht wahrnimmt, erst einmal verklickern, dass man damit nicht leben kann. Und man muss aushalten können, dass man für ziemlich komisch gehalten wird.

Bei Musik kommt es nicht nur auf die Lautstärke an, sondern vor allem auf die Frequenzen. Wenn ich mir Hard Rock oder Heavy Metal längere Zeit anhören muss, werde ich unweigerlich aggressiv. In solchen Momenten wundert es mich nicht, dass die Gewalt in unserer Welt so präsent ist, wenn sich die Mehrheit der Menschen kontinuierlich solche Sachen reinzieht.

Beim Fernsehen kann ich z. B. Hintergrundgeräusche nicht ausblenden, was dazu führt, dass ich oft den Dialog nur schwer verstehen kann. Musik am Arbeitsplatz oder beim Lernen lenkt mich so ab, dass ich nichts zu Stande bringe. Lokale mit vielen Menschen und einer entsprechenden Geräuschkulisse sind absolut stressig, ebenso Partys und Großveranstaltungen wie Konzerte, Volksfeste, Kirchweihen und dergleichen. Auf solchen Events wird man mich selten antreffen.

Die Liste der für mich unangenehmen oder schmerzhaften Geräusche lässt sich beliebig fortsetzen, aber das Allerschlimmste für mich ist Kinderlärm. Kinder sind nun mal laut, und über eine gewisse Zeit kann ich das auch aushalten, aber wenn ich dem rund um die Uhr ausgesetzt bin, dann überschreitet das alle meine Grenzen. Vor zweieinhalb Jahren ist über mir eine Familie mit drei kleinen Kindern eingezogen. Die Familie, die davor in der Wohnung lebte, hatte auch zwei Kinder, aber diese wurden zu einem Minimum an Rücksicht angehalten, was bei der neuen Familie ein völlig unbekanntes Wort ist. Was ich seitdem tagtäglich erleide, kann man eigentlich nur als Körperverletzung bezeichnen, denn dieser permanente Lärm macht mich tatsächlich krank.

Olfaktorische Reize: Die meisten Parfüms verursachen mir Kopfschmerzen. Deshalb habe ich es irgendwann aufgegeben, ins Theater zu gehen, weil ich dort treffsicher immer neben einer Dame zu sitzen kam, die von einer Duftwolke umgeben war. Einer Buchhalterin, die sich um eine Stelle bewarb, sagte ich, sie könne die Stelle nur bekommen, wenn sie während der Arbeitszeit auf das Tragen vom Parfüm verzichten könnte. Lebensmittel, die durchaus noch genießbar sind, aber schon den Hauch des Geruchs eines beginnenden Verfalls aufweisen, kann ich nicht essen, weil es mich ekelt, und alles in mir sich dagegen wehrt. Meine Umwelt hält mich deshalb für mäkelig.

Taktile Reize: Ich erinnere mich an sommerliche Zeiten im Reitstall, als alle in kurzen Hosen und Tops mit Spaghetti-Trägern herumliefen. Ich dagegen trug neben Reithosen und Stiefeln auch eine langärmelige Bluse. Natürlich wurde ich belächelt. Als mich jemand etwas sarkastisch fragte, ob mir nicht zu warm sei, hinterfragte ich meinen Aufzug selbst, musste aber feststellen, dass es die einzige Möglichkeit war, mich im Reitstall aufzuhalten, weil ich es nicht ertragen konnte, wenn sich ständig Fliegen auf meiner nackten Haut niederließen. In solchen Situationen war ich nur damit beschäftigt, die Fliegen zu verscheuchen und konnte mich auf nichts anderes konzentrieren.

Ich wurde einmal gefragt, was meine erogenen Zonen seien. Ich muss ziemlich verständnislos geschaut haben, denn schließlich ist mein ganzer Körper eine erogene Zone. Aber ich habe irgendwann begriffen, dass das nicht bei allen Menschen so ist.

Natürlich bin ich auf aufgrund der Empfindlichkeit für taktile Reize auch extrem kitzelig.

Zum Thema Schreckhaftigkeit: Ich war mal im Kino. Ein Vampirfilm. Ganz langsam hebt sich knarrend der Sargdeckel. Und fliegt plötzlich mit einem Knall auf. Ich war natürlich die Einzige im Saal, die einen lauten Schrei ausgestoßen hat. Dasselbe in einer Gaststätte. Ein Kellner lässt vor unserem Tisch ein Edelstahltablett fallen. Auf meinen Schrei hin drehen sich alle Gäste zu mir um und sehen mich an, als wäre ich nicht ganz dicht. Sie waren nicht von dem Geräusch des fallenden Tabletts erschrocken, sondern von meinem Schrei. Oder … ich bin beim Staubsaugen und höre meinen Ex-Partner nicht kommen. Als ich den Staubsauger ausschalte, steht er hinter mir und spricht mich an. Ich bekomme fast einen Herzinfarkt und entsprechend laut ist mein Schrei. Und er sagt ganz vorwurfsvoll: „Erschreck mich doch nicht so!“

Das ist jetzt nur eine kleine Auswahl der Dinge, die mich in der Summe sicher früher an meine Belastungsgrenzen bringen als jemanden, der keine derartigen Empfindlichkeiten hat. Aber alleine das einmal komprimiert zu sehen, macht es für mich schon verständlicher, dass viele Menschen mich für seltsam halten. Und ich bekomme auch ein Gefühl dafür, dass eine Partnerschaft mit mir für einen Normalsensiblen durchaus eine Herausforderung sein kann. Und ich denke, es ist nur sehr schwer möglich, sich aufeinander einzustellen, wenn man von dieser Disposition nichts weiß und nicht darüber kommunizieren kann.

Kommentare (5)

  1. Malte

    Sehr geehrte Frau Döhler,

    vielen lieben Dank für diese anschaulichen und aufklärenden Zeilen. Ich habe sie sofort an einige Freunde und Bekannte weitergeleitet, denen nicht einleuchten will, dass ich mich nicht „anstelle“, sondern tatsächlich Dinge wahrnehme – und zwar durchaus deutlich – die erheblich unterhalb der Wahrnehmungsschwellen der meisten Menschen angesiedelt sind. Ihr Beispiel der konventionell geschalteten Leuchtstoffröhren kann ich unter anderem voll und ganz unterschreiben, es fällt mir unglaublich schwer, mich länger als unbedingt nötig in Geschäften, besonders in Super- und Fachmärkten aufzuhalten, während meine Begleiter noch im Shoppingrausch schwelgen, möchte ich einfach nur vor der furchtbaren Beleuchtung fliehen, die mir nämlich ganz genau wie Ihnen erhebliche körperliche Beschwerden angedeihen lässt. Ebenso leide ich sehr unter Schwindel und Unwirklichkeitsgefühlen, wenn ich Blink- oder Blitzlichter sehen muss oder durch lichte Bepflanzung an Straßen oder Bahndämmen von der Sonne angeblinkt werde.

    Im Bereich der akustischen Wahrnehmung möchte ich Ihnen an dieser Stelle kurz ein meiner Meinung nach aus heutiger Sicht recht charmantes Erlebnis schildern, das mich damals jedoch auch gut in die psychiatrische Unterbringung hätte befördern können: Ich hegte, ganz genau wie Sie, die Befürchtung, dass es sich bei meinen durch Flimmerlicht ausgelösten Beschwerden um eine neurologische Erkrankung, schlimmstenfalls um die Aura einer Anfallserkrankung handeln könnte. So saß ich nun auf einer Untersuchungsliege in der neurologischen Fachabteilung einer großen Praxisklinik und ließ unter anderem eine Dopplersonographie meiner Hals-Kopf-Gefäße vornehmen. Während die junge Assistenzärztin den Schallkopf entlang meiner A. temporalis um mein Ohr herumführte, lehnte sie sich ein wenig zurück, wollte sich am Ultraschallgerät abstützen und stieß dabei gegen den Frequenzregler. Das konnte ich nicht sehen, da ich mit dem Rücken zu ihr saß, ich konnte die Frequenzänderung des Ultraschalls an meinem Ohr jedoch deutlich hören. Ihre sich selbst leise gestellte Frage, was sie denn jetzt gemacht habe, beantwortete ich reflexartig mit „die Frequenz hochgedreht.“ Daraufhin stammelte sie verwundert: „Stimmt… aber woher wissen Sie das?“ Immer noch ohne darüber nachzudenken, dass es für andere Menschen nicht unbedingt normal ist, die Frequenzen eines diagnostischen Ultraschallgeräts deutlich hören zu können sagte ich lapidar: „Naja, Sie haben den Schallkopf direkt neben meinem Ohr, das kann ich so doch hören.“ Die Antwort der Nervenfachfrau fiel dann aber so aus, dass ich merkte, dass ich jetzt etwas klarstellen muss: „Jaja, ist klar. Stimmen hören Sie aber keine?“ Ups… nachdem ich ihr erläutert hatte, dass es sich bei meiner Wahrnehmung keineswegs um eine Einbildung handelte, ließ sie sich aber darauf ein, dass ich ihr das auch demonstrieren durfte – ohne dass ich das Gerät, geschweige denn Regler und Bildschirm sehen konnte, hielt sie den Schallkopf neben mein Ohr und regelte die Frequenz hoch, herunter, oder behielt sie bei. Dass ich stets völlig korrekt beschreiben konnte, was davon sie gerade tut, überzeugte sie dann von der Echtheit meiner Wahrnehmung, die sie mit einem verunsicherten Lachen und der Aussage „gruselig, aber nicht uninteressant“ quittierte.

    Zu meiner taktilen Wahrnehmung hätte ich durchaus auch so einiges zu erzählen, beschränke mich an dieser Stelle aber einfach mal darauf, dass Sie in obigem Artikel keine Ausführungen dazu gemacht haben, die ich so nicht bestätigen könnte…

    Sicher können auch Sie mit einigen interessanten Erlebnissen aufwarten, die ein Hochsensibler verstehen wird, bei denen Normosensible jedoch in Unglauben verfallen. Vielleicht haben Sie wie ich die Möglichkeit, Ihre Sensibilität zumindest in bestimmter Hinsicht positiv zu nutzen, vielleicht empfinden Sie sie aber auch überwiegend als störend, was ich zwar sehr bedauern würde, was aber ja leider auch gut möglich ist. An einem Erfahrungsaustausch wäre ich jedenfalls mehr als interessiert, über eine Nachricht von Ihnen würde ich mich mehr als freuen 🙂

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    1. Angelika

      Sehr geehrter Herr Schmitt,

      ich danke Ihnen vielmals für Ihren ausführlichen Kommentar. Das bestärkt mich in der Hoffnung, dass die Beschreibung meiner Erfahrungen auch für andere Menschen hilfreich sein kann. Dafür habe ich diesen Blog geschrieben.

      Und nein, ich empfinde meine Sensibilität keineswegs als störend, sondern als Gabe, die ich – so gut ich kann – positiv nutzen möchte. Tatsache ist allerdings, dass mich diese erhöhte Wahrnehmung lange Zeit irritiert hat, weil ich nicht verstanden habe, was mich von anderen Personen in meinem Umfeld unterscheidet.

      Und als ich es verstanden hatte, bestand die Herausforderung darin, es als Geschenk anzunehmen und nicht mehr zu versuchen, mich mit anderen gleichzuschalten, um anerkannt zu werden. Das bedeutete für mich eine große Befreiung.

      Herzliche Grüße
      Angelika

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  2. Katharina Bloom

    Hallo und guten Abend,

    Es ist schon einige Monate her, bzw. im letzten Jahr wurde dies wohl geschrieben, aber ich habe es erst jetzt gelesen. Auch ich suche gerade jemanden zum mich austauschen, weil ich so viele Fragen habe, würde ich diese alle an einen Coach stellen, würde mich das wohl viel Geld kosten.

    Im Dezember letzten Jahres machte mich meine Supervisiorin auf Hellfühligkeit und Hellsichtigkeit aufmerksam, die ich wohl zu haben scheine.

    Als Heilpraktikerin für Psychotherapie und Massagetherapeutin arbeite ich sehr viel mit Massagen und verschiedenen Techniken der Körperarbeit, sowie mit Hypnose. Nein, das soll jetzt keine Werbevorstellung sein, ich wollte es nur der Vollständigkeit halber erwähnen, damit klar ist, warum ich bei einer Supervisorin war. Ich dachte nämlich, es gehe sehr stark darum für mich, wie ich mich noch stärker abgrenzen könnte gegen über erotischen Wünschen von Klienten, die bei mir auf der Massagebank liegen. Nun muss ich dazu sagen, dass ich geburtsblind bin und geburtsblinde massieren und berühren anscheinend wohl irgendwie anders…

    Ich erzähltemeiner Supervisorin von Wahrnehmungen, die ich schon vorher zu spüren glaubte, die jemand schon am Telefon ausstrahlt, hielt es aber für eingebildet, da es auch gut meine eigenen Gefühlswelten sein könnten. Auch damit verknüpft, dass ich selbst schon Grenzüberschreitungen erlebt habe, die ich aber hier so nicht näher ausführen möchte. Mittlerweile habe ich diese auch gut selbst durch Therapien verarbeitet, sodass sie mich heute nicht mehr belasten. Aber diese unterschwelligen Wahrnehmungen von noch nicht unausgesprochenen Wünschen und Vorstellungen waren trotzdem irgendwie da und ich schrieb sie immer meinen negativen Erfahrungen zu und rationalisierte diese merkwürdigen, beklemmenden Gefühle im Bauch als Überbleibsel meiner Geschichte dann weg und vergab dann diesen Menschen trotzdem Termine, trotz beklemmender Gefühle im Bauch.

    Trotzdem hatte der Bauch bisher immer Recht.

    Meine Supervisorin fragte mich dann, was ich denn machen würde, wenn jemand während einer Behandlung übergriffig wird. Als ich ihr dann ganz selbstverständlich erklärte, den schmeiße ich dann einfach raus, meinte sie, sie wisse gar nicht, was ich dann von ihr wollte. Ich versuchte ihr dann davon zu erzählen, wie dann eine Behandlung aussieht, wenn alles eins miteinander ist. Auch von dem, was ich spüre und wahrnehme, dass ich plötzlich Eingebungen habe wie, gleich wird der Mensch vor mir seine Geschichte erzählen oder, gleich wird er weinen oder irgend ein anderes Gefühl wird Überhand nehmen und genau das passiert dann.

    Lange Rede, kurzer Sinn, irgendwann gegen Ende der Supervisionsstunde sprach sie die Hellsichtigkeit an und ich solle doch noch mehr verstärkt darauf achten, was ich so alles in meiner Umgebung wahrnehme und vielleicht nicht wahrhaben will.

    Ich gab dann Hellfühligkeit ins Internet ein, fand da aber nur für mich esoterisch klingenden Kram, mit demich noch weniger umgehen konnte und bin dann über die Hellfühligkeit auf das Thema Hochsensibilität gestossen. Da wurde zum Beispiel unter anderem beschrieben, was hochsensible Menschen schon als Kind an Schwingungen mitbekommen.

    Einmal, da war ich Zehn Jahre alt, waren meine Eltern und ich auf einem Polterabend von meinem Onkel und seiner zukünftigen Frau eingeladen. Ich hatte daran eigentlich viel Spaß am Geschirr kaputtschmeißen. Am nächsten Tag erfuhr ich, dass meine Mutter sich den Arm gebrochen hatte, als ich schon im Bett lag und fest schlief. Mein Zimmer war so abgeschotten vom Rest, dass ich davon nichts mitbekam, trotz meiner „Teleskopohren“, wie sie früher immer sagte. Meine Mutter musste also ins Krankenhaus und mein Onkel, ihr Bruder, war auch nicht bei sich Zuhause. Mein Vater und die zukünftige Frau meines Onkels waren also alleine und immer wenn ich mit ihnen zusammen war, spürte ich so eine seltsame Wärme von den beiden ausgehen. Eine Wärme, wie ich sie nur von meinen Eltern untereinander kannte, so ein seltsamer Funken. Dann gingen wir einmal meine Mutter im Krankenhaus besuchen und ich dachte auf einmal sowas wie, jetzt liegt meine Mutter im Krankenhaus, so kann sie meinem Vater nicht zu viel werden und im Weg sein und meine Mutter tat mir Leid. Sehr, sehr viele Jahre später erzählte mir meine Mutter, dass an besagtem Abend des Armbruchs sie meinen Vater mit der zukünftigen Schwägerin inflagranti beim Liebesspiel im Bett erwischt hat und sie wollte die beiden trennen und die beiden haben sich heftig gewehrt. Dabei ist sie gestürzt und brach sich den Arm.
    Ich war erschüttert! Solche und ähnliche Erlebnisse hatte ich schon öfter, aber diese jetzt alle zu erzählen würde zu lange werden, da wäre ich übermorgen noch nicht fertig.

    Meine Mutter sagte früher immer über mich, dass ich Teleskopohren habe, ich glaube, das fand sie manchmal als sehr störend, Heute, wenn mein Mann und ich irgendwo in ein Restaurant essen gehen oder in einer Kneipe oder auf einer Party sind, kann es passieren, dass mein Mann und ich uns zwar unterhalten, dann schnappe ich aber noch bestimmt von zwei oder drei oder vier anderen Nebentischen irgendwelche Gesprächsfetzen von verschiedensten Themen auf.

    Das mit den Fliegen auf der Haut kann ich sehr gut nachempfinden, das kann ich auch überhaupt gar nicht haben. Das kitzelt und krabbelt und juckt, da wäre Reiten bei mir auch nicht mehr möglich.

    Wenn ich auf einer Party oder auf einem Konzert bin oder irgendwo, wo Lifemusik gespielt wird, möglichst laut und möglichst ausgelassene Stimmung um mich, dann gerate ich, glaube ich, in einen richtigen Zwiespalt. Einerseits ist mir die Musik eigentlich viel zu laut und ich kann mich dann nur noch an meinem Glas festhalten, wenn ich es irgendwie aushalten soll und versuchen soll, mich irgendwie darauf einzulassen. Gleichzeitig schwappt mir diese superfröhliche, ausgelassene Stimmung von allen Seiten so entgegen, dass man meinen könnte, man spüre jetzt das Leben so richtig. Dem will ich mich doch nicht entziehen? Denn ich mag Lebendigkeit. Wenn dann auch noch Freunde von mir mit dabei sind, denen das ganze wohl irgendwie gar nichts ausmacht, sondern sie auch noch mitreißt, dann kann ich doch nicht einfach aufstehen und gehen. Dann kämpfe ich damit, mich jetzt von der Stimmung mitreißen zu lassen und mich weiter daran festzuhalten, dass vor mir ein Glas steht, in der Hoffnung, dass mir die laute Musik irgendwie dann nicht mehr ganz so viel ausmacht.
    Gut ist das nicht…
    Wenn ich alleine in einer so lauten Umgebung wäre, nein, in so lauten Kneipen gehe ich alleine eher nicht.

    Ich bin kein zurückgezogener Mensch, eigentlich bin ich ein geselliger Mensch, der gerne mit anderen zusamen ist. Aber wenn es zu viel war, ertappe ich mich dabei, dass ich sehr lange Ruhefasen brauche, in denen ich dann auch fast nicht rausgehe, außer ich müsse unbedingt, weil eingekauft werden muss. So eine Fase ist wohl glaube ich jetzt. Da war Weihnachten, da war Sylvester und immer viel los und jetzt haut es mich um.

    Seit Tagen schon will ich in die Stadt und mir ein Buch über Hochsensibilität als Hörbuch kaufen und ich hoffe, dass ich es morgen hinbekomme, weil ich da sowieso rausmuss, denn im Gegensatz zum Dezember letzten Jahres, wo ich bei jedem Weihnachtsmarktbesuch am Wochenende unbedingt mit dabei sein wollte, damit ich diese wunderschöne Weihnachtsstimmung auffangen und einsaugen kann, solange es nur geht, finde ich die Vorstellung jetzt durch die volle Stadt zu laufen und mich in ein volles Kaufhaus zu stürzen oder mich bis zur Buchhandlung durchzukämpfen, ganz ganz furchtbar. Vielleicht gehe ich gleich morgen Vormitag, da ist hoffentlich noch nicht so viel los.

    Ich habe nun sehr viel über Hochsensibilität schon gelesen, auch über das so genannte „High Sensation Seeking“, Wo sich wohl die Lust nach neuem, nach Abenteuer und der totale Rückzug sich stark abwechseln sollen.

    HSP-Tests im Internet habe ich auch schon gemacht, laut denen soll ich angeblich eine HSP sein. Ich habe große Schwierigkeiten, das für mich einfach so anzunehmen und suche jetzt nach anderen Möglichkeiten, außer diesen Tests, herauszufinden, woran ich bei mir selbst bin. Auch steht die Frage im Raum, ob mir dann meine Supervisorin dann wirklich so gut helfen kann oder ob ich nicht doch besser zu einem hochsensiblen Coach gehe.

    So, das war jetzt ein sehr langer Text, ich hoffe, ich habe Sie damit nicht erschlagen, aber ich fand Ihre Schreibweise als sehr mit sich im Reinen sein, das hatte mir Mut gegeben, zu schreiben und alle meine Fragen mal loszuwerden.

    Ganz herzliche Grüße Katharina

    Antworten
    1. Angelika

      Liebe Katharina,

      Ein Coach kann Ihnen sicherlich einige Fragen beantworten, und in Zeiten der Verwirrung kann es hilfreich sein, einen solchen Dienst in Anspruch zu nehmen. Im Kern geht es für Hochsensible jedoch darum, den eigenen Wahrnehmungen zu vertrauen, auch wenn das Umfeld diese belächelt oder einen für überkandidelt hält.

      Ihre Supervisorin hat gute Arbeit geleistet, indem sie Ihnen den Denkanstoß gegeben hat, sich selbst mit Ihren Fähigkeiten auseinanderzusetzen. Sie haben recherchiert, das aussortiert, was sich nicht stimmig anfühlte, und jetzt hat sich für Sie eine Tür geöffnet, die es Ihnen ermöglicht, Ihre Gaben und Talente anzunehmen und die Intuition mit dem Verstand, der immer alles in Frage stellen kann, in eine gesunde Balance zu bringen.

      Zum Thema High-Sensation-Seeking will ich schon lange einen Beitrag schreiben, aber ähnlich wie Sie hatte ich in den letzten Monaten verstärkt das Bedürfnis nach Rückzug. Das muss ich meinem Energiehaushalt zuliebe respektieren. Wenn es dran ist, dann wird sich der Beitrag quasi von selbst schreiben. Möglicherweise habe ich in der Zwischenzeit auch noch Erfahrungen zu machen, die meine Sicht auf die Dinge relativieren.

      Mit sich im Reinen zu sein ist m. E. kein Zustand, sondern ein lebenslanger Prozess. Bewusstseinsentwicklung stellt sich mir als aufwärtsgerichtete Spirale dar, in der wir nach einer gewissen Zeit der Verarbeitung immer wieder an dieselben Punkte gelangen. Diese werden dann aus einer neuen, tieferen Perspektive beleuchtet und zeigen uns, was es noch zu erkennen gilt.

      Ich kann an dieser Stelle nicht auf alles eingehen, was Sie geschrieben haben, aber wenn Sie sich weiter austauschen möchten, können Sie mich gerne per E-Mail kontaktieren.

      Herzliche Grüße
      Angelika

      Antworten
      1. Katharina Bloom

        <Hallo liebe Angelika,

        Danke, dass Sie mir zurückschreiben. Nein, ich habe auch nicht erwartet, dass Sie auf jedes kleinste Detail meiner Nachricht eingehen würden. Ich finde es sehr berührend, wie Sie schreiben. Ja, mit sich im Reinen sein habe ich auch nicht als Zustand gemeint, sondern eher wie ein akzeptieren seiner selbst, also sich selbst so annehmen, wie man eben ist, mit allem, was kommen mag. Das Leben ist ja immer in Bewegung und somit auch wir.

        Heute habe ich mir wirklich endlich ein Buch über Hochsensibilität und Hochsensivität bestellt. Dazu war ich wirklich in der Stadt gewesen und die Verkäuferin, die das Buch für mich bestellt hat, hat es selbst gelesen und hat sich auch gleich mit Namen vorgestellt, falls ich noch ein Buch haben will und dann nur nach ihr fragen brauche.
        Zufälle gibt es ja für mich nicht.

        Es gab eine Hörprobe zum reinhören, die habe ich mir angehört und fand es sehr wichtig, reingehört zu haben. Das Buch könnte was für mich sein, sehr lebensnahe geschrieben.

        Mehr will ich hier auch nicht schreiben. Aber wir können uns gerne über EMail austauschen, habe ich nichts dagegen. Ich kann Ihnen ja eiinfach mal eine Mail schicken.

        Viele Grüße Katharina

        Antworten

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